Vielleicht kennst du das auch, diesen Zustand, den ich als das „permanente Rauschen“ bezeichne. Mein Leben fühlt sich an wie ein Browser-Tab, in dem gleichzeitig zwanzig verschiedene Fenster offen sind:
In einem läuft die politische Strategie-Frage für „die nächste Kampagne“, im anderen die Planung eines Kulturprojekts, in einem dritten die privaten Verpflichtungen und in einem vierten ein tiefer, existentieller Zweifel darüber, ob ich eigentlich genug Wasser getrunken habe.
Es ist ein 24/7-Modus, eine Art chronische Erreichbarkeit, bei der die Grenze zwischen „Ich bin gerade privat“ und „Ich bin gerade politisch aktiv“ so dünn geworden ist, dass sie praktisch nicht mehr existiert. Ich bin nicht mehr nur Teil einer Bewegung, ich bin die Bewegung – inklusive der damit verbundenen Hektik.
Und dann, völlig unangekündigt und ohne jede logische Vorwarnung, passiert es: Ich starre die Wand an. Ich sitze auf dem Sofa und stelle fest, dass ich absolut nichts tue. Und ich will nichts tun. Und da draußen vor dem Fenster, all die Orte an denen Optimierung das höchste Gut ist und jede freie Minute in ein „Self-Care-Ritual“ oder ein „Networking-Event“ verwandelt werden müssen. Da wirkt mein plötzliche Nichts-Tun ja fast schon wie ein Akt der Rebellion. Oder womöglich wie ein medizinischer Notfall?
Wenn ich nichts tue, stellt sich sofort die Frage: Verpasse ich gerade die Welt? Während ich hier sitze und die Muster im Teppich studiere, wird vermutlich gerade eine wegweisende Entscheidung getroffen, ein wichtiger Diskurs gestartet oder jemand anderes hat eine Idee, die die Welt rettet – und ich bin nicht dabei – „weg vom Fenster“. In der politischen und kulturellen Blase ist Sichtbarkeit oft gleichbedeutend mit Existenz. Wer nicht postet, nicht kommentiert, nicht in der Arbeitsgruppe sitzt und nicht bei jedem Event mit einem leicht erschöpften, aber entschlossenen Gesichtsausdruck erscheint, läuft Gefahr, aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht zu werden.
Und jetzt wird’s irre: Ich predige die Entschleunigung, ich forder eine bessere Work-Life-Balance und ich warne vor dem Burnout – aber sobald ich selbst in den Modus der absoluten Passivität verfalle, fühle ich mich wie ein Versager im eigenen Leben. Ich versuche sogar, das Nichtstun zu optimieren. „Ich mache jetzt ganz bewusst eine Pause“, sag ich mir, während ich gleichzeitig die Uhr stoppe, um zu wissen, wann ich wieder „produktiv-erholt“ bin. ICH MACHE AUS DER LEERE EIN PROJEKT.
»Letztendlich ist das Nichtstun vielleicht die radikalste Form der Selbstfürsorge.«
Aber was kann ich eigentlich tun, wenn ich nichts tue? Die Antwort ist simpel, aber sie erschreckt mich: Ich kann genau das tun – nichts. Ich kann zusehen, wie die Welt sich ohne meine Beteiligung für einen Moment weiterdreht. Es ist gut zu wissen, dass das Geschehen rundherum nicht kollabiert, nur weil ich einmal nicht die Moderation übernehme oder eine E-Mail unbeantwortet lasse. Vielleicht verpasse ich tatsächlich etwas, aber vielleicht gewinne ich dadurch etwas viel Wichtigeres zurück: mich selbst.
Denn im permanenten Rauschen zwischen Politik, Kultur und Alltag geht die eigene Stimme oft unter. Man wird zum Echo der Erwartungen anderer. Das bewusste (oder unbewusste) Nichtstun ist der einzige Moment, in dem man nicht mehr „funktioniert“. Es ist der Moment, in dem man nicht mehr die Funktion des „Aktiven“, des „Organisierenden“ oder des „Kulturellen Vermittlers“ ausfüllt, sondern einfach nur ein Mensch ist, der gerade sehr intensiv die Stille genießt – oder sich fragt, warum eigentlich Schnecken sich so langsam bewegen und trotzdem vorwärts kommen.
Letztendlich ist das Nichtstun vielleicht die radikalste Form der Selbstfürsorge. Es ist das Eingeständnis, dass man nicht die gesamte Welt auf den eigenen Schultern tragen muss – zumindest nicht an diesem Freitag zwischen 14 und 16 Uhr. Wer lernt, das Gefühl, „weg vom Fenster“ zu sein, nicht als Verlust, sondern als Luxus zu begreifen, hat den ultimativen Hack gegen den Stress gefunden.
CONCLUSIO: Wenn ich mich das nächste Mal dabei ertappe, dass ich absolut gar nichts tue – herzlichen Glückwunsch. Dann bin ich gerade dabei, die wichtigste Aufgabe des Tages zu erledigen.
Und du so? ...
Euer Letterman