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Wenn ich heute in die Augen meines Enkelkindes blicke, reist meine eigene Erinnerung zurück in eine Zeit, in der die Welt noch ein anderes Maß an Unbeschwertheit besaß. Es war eine Kindheit, in der es – zumindest gefühlt – keine rechtsdesolaten Bürgermeister gab und niemand versuchte, meine italienischen, türkischen oder polnischen Freund:innen unter dem Blitzlicht von Videokameras und anhänglichen, unterstützenden „Begleittruppen“ dazu zu zwingen, die Straßen zu fegen.
Weil diese Form der Schikane und Ausgrenzung damals nicht Teil unseres Alltags war, waren wir auf den Straßen unseres Quartiers mit etwas anderem beschäftigt: Wir waren einfach "glücklich mit Marmeladenbrot". Dieses schlichte Glück stand für eine Zeit des friedlichen Miteinanders, in der die Herkunft nebensächlich war und die Straße ein Ort des Spiels und nicht der politischen Hetze. Umso bedeutsamer ist es, dass wir es nun in Gelsenkirchen geschafft haben, zumindest schon mal einen Bürgermeister dieser Art wieder abzuwählen. In einer Stadt, die viel zu oft durch Erzählungen von Verachtung, Demütigung und einem Gefühl der kollektiven Erfolglosigkeit geprägt wurde, setzen wir damit ein notwendiges politisches und gesellschaftliches Zeichen.
»Dieser Sieg ist mehr als nur ein Wahlergebnis; er ist eine Antwort auf Entwürdigung ...«
Es ist ein Beweis dafür, dass Demokratie nicht statisch ist, sondern dass wir aktiv in die Gestaltung unserer Heimat eingreifen können. Dieser Sieg ist mehr als nur ein Wahlergebnis; er ist eine Antwort auf Entwürdigung und ein Signal an alle, dass Gelsenkirchen bereit für einen Neuanfang ist, der auf Respekt und Solidarität basiert.
Doch dieser eine Moment des Triumphs darf nicht zur Selbstzufriedenheit führen, sondern muss uns als Impulsgeber dienen. Wir müssen uns fragen: Wie können wir es zukünftig besser machen? Wie gelingt es uns, das Heraufkommen solcher politischen Katastrophen bereits im Keim zu erkennen und einzudämmen? Es gilt, zivilgesellschaftlich mutiger und strategischer zu agieren, um die Räume, in denen Hass gedeiht, systematisch zu schließen. Wir müssen gemeinsam definieren, welche Schlachten wir noch schlagen müssen – sei es gegen soziale Ungleichheit oder rechtsextreme Tendenzen – und mit welchen Mitteln wir diese bestehen können, ohne unsere eigenen Werte der Menschlichkeit preiszugeben.
Am Ende kehre ich in meinen Gedanken zurück zu jenen Freunden von damals. Ich sehe uns wieder beisammen sitzen, die Welt um uns herum noch weit und voller Möglichkeiten. Es ist dieser Moment des einfachen Glücks mit Marmeladenbrot, den ich in mir bewahre und für immer und ewig einbrennen möchte. Denn genau dieses Gefühl der Geborgenheit und der bedingungslosen Zugehörigkeit ist es, wofür wir heute politisch kämpfen: Damit jedes Kind in Gelsenkirchen die Freiheit hat, einfach nur glücklich zu sein.
Alles bleibt glücklich. Euer Letterman
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