Ich weiß nicht, wie es euch angesichts der dunklen weltpolitischen Lage geht, ich vermute aber, ganz ähnlich wie mir. Ich finde kaum noch Worte dafür. Jetzt bin ich in einem Alter, in dem es nicht so ungewöhnlich ist, öfter mal zurück zu schauen auf die bereits gelebten Jahre, denn sie sind an der Anzahl bemessen womöglich bereits mehr als die, die noch gelebt werden. Ich habe dieses Leben mit großen Versprechen begonnen: Dass ich es besser haben werde, dass Europa (und vielleicht sogar die Welt) keinen Krieg mehr kennen würde und dass Politik aus den Erfahrungen und Verwerfungen des letzten Jahrhunderts gelernt hat und nun die Dinge zuverlässig zu meinem und zum Wohl aller lenken würde.
Wie ihr seht: Fehlanzeige – wie schön diese Worte geklungen haben, und wie wenig sie sich in der Realität schlussendlich erfüllen. Die Weltpolitik – und bisweilen auch die nationale – wirkt in diesen Tagen so vehement auf uns ein, als würden alte Ängste, krude wie „kuriose“ Strategien und wirtschaftliche (zum Teil offensichtlich individuelle) Interessen in einem gefährlichen Tanz verschmelzen. Nationen (auch europäische) driften auseinander, Eliten beherrschen (weil wir sie lassen) die Spielregeln, während breite Bevölkerungsschichten nach wie vor die Folgen tragen – wirtschaftliche wie soziale. Meine Gefühle schwanken da zwischen Fassungslosigkeit und zur Gewalt neigender Wut, zwischen dem Wunsch nach Klarheit und der mehr als sorgenvoll sich manifestierender Gewissheit, dass noch viel mehr Machtspiele sich selbst ernennender Weltherrscher jenseits der eigenen Reichweite offenbar werden oder bereits stattfinden.
Es ist in hohem Maße verlockend zu denken, dass hinter all den Konflikten lediglich Besitzansprüche, Angst vor Trennung und der unfassbare Wunsch stehen könnten, „alles so schön zu haben, wie früher“. Und während ich das so formuliere, klingt es schon nach einer Verschwörungstheorie – doch die Muster, die ich sehe, lassen sich oft in den Spannungen zwischen reichen, einflussreichen Eliten, mächtigen Organisationen und festgefahrenen Interessen verorten: Fossile Abhängigkeiten, althergebrachte Sicherheiten, politische (Macht-)Strukturen, die Kontinuität über dringend nötigen Wandel stellen. Diese Kräfte neigen dazu, mehr zu schützen, als zu verbinden; mehr zu verteidigen, als zu erneuern.
Trotz dieser persönlichen Diagnose bleibt eine helle, positive Perspektive möglich. Wandel beginnt ja dort, wo Menschen anfangen, Verantwortung im Kleinen zu übernehmen. Eine Zukunft, in der Politik wieder nahbar wird, ist nicht unmöglich – sie ist erreichbar, wenn sich viele Einzelne zusammentun, auch um lokale, greifbare Schritte zu gehen.
Die Geschichte muss ja nicht enden, wie sie begann. Wer heute handelt – gerade auch auf kommunaler Ebene, im Austausch mit Nachbarinnen und Nachbarn, in Vereinen und Initiativen – legt die Grundlage dafür, dass aus Fassungslosigkeit und Wut neues, friedensreiches Engagement wächst. Und wenn wir dabei grüne Ideen als praktikable Antworten sichtbar werden lassen, gewinnen wir möglichst verlorenes Vertrauen zurück und neue Unterstützer:innen dazu. Es ist möglich, die Zukunft stärker und besser zu gestalten, als es die aktuell hervor scheinenden „sentimentalen“ Nostalgien erlauben, und dabei die Balance zwischen Mut,Verantwortung und Teilhabe in den Fokus zu rücken.
Niemand wird tun, was wir nicht tun.
Euer Letterman